Kennzahlen sind ein zentrales Instrument im Energiemanagement und bilden die Grundlage für die Bewertung der energiebezogenen Leistung sowie den Nachweis energetischer Verbesserungen. In der Praxis stellt sich jedoch zunehmend die Frage, welche Kennzahlen zulässig und geeignet sind, insbesondere vor dem Hintergrund unterschiedlicher Anforderungen und Auslegungen durch Zertifizierer.
Häufig wird die Eignung von Kennzahlen stark an der statistischen Korrelation zwischen Energieverbrauch und Bezugsgröße festgemacht. Eine hohe Korrelation wird dabei teilweise als zwingende Voraussetzung angesehen. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Die ISO 50001 fordert geeignete Kennzahlen, schreibt jedoch keine Mindestwerte für Korrelationskoeffizienten vor. Entscheidend ist vielmehr die fachliche Plausibilität und die Fähigkeit der Kennzahl, energiebezogenes Verhalten nachvollziehbar abzubilden.
In vielen Fällen sind technologiebezogene Kennzahlen gut geeignet, auch wenn die statistische Korrelation gering ausfällt. Für etablierte Technologien wie Druckluft, Heizung oder Beleuchtung existieren bewährte Kennzahlen, die auf technischen Wirkzusammenhängen basieren. Diese Kennzahlen sind verständlich, vergleichbar und für die operative Steuerung geeignet, selbst wenn sich der Energieverbrauch nicht eindeutig an einer einzelnen Einflussgröße ausrichtet.
Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt betrifft Kennzahlen mit konstanten oder nur schwach schwankenden Bezugsgrößen, etwa bei stabilen Produktionsmengen oder gleichbleibenden Gebäudeflächen. In solchen Fällen ist eine statistische Korrelation kaum nachweisbar, da die notwendige Streuung fehlt. Dies ist jedoch kein Hinweis auf eine ungeeignete Kennzahl, sondern eine Folge der Rahmenbedingungen. Die Kennzahl bleibt dennoch sinnvoll, da sie Veränderungen im Energieverbrauch transparent macht und zeitliche Vergleiche ermöglicht.
Darüber hinaus kann eine schwache Korrelation selbst ein wertvoller Hinweis auf Effizienzpotenziale sein. Sie kann darauf hindeuten, dass der Energieeinsatz nicht bedarfsgerecht gesteuert wird, etwa durch unzureichende Regelung, Leerlaufverluste oder fehlende Lastanpassung. In diesen Fällen wird die, aufgrund einer schwachen Korrelation zunächst wenig sinnvoll erscheinende, Kennzahl selbst zum Analyseinstrument und unterstützt die Identifikation von Verbesserungsmaßnahmen.
Ebenfalls oft unterschätzt wird die notwendige Datenbasis zur zielführenden Anwendung statistischer Modelle. Ist die entsprechende Richtigkeit und Gleichzeitigkeit der Datensätze zumeist noch präsent, ist andererseits auch die Größe der Datensätze bzw. der Stichprobenumfang elementar. Eine gute Korrelation, die auf wenigen dutzend Wertepaaren basiert, ist statistisch nicht notwendigerweise signifikant.
Schließlich ist zu berücksichtigen, dass umgesetzte Effizienzmaßnahmen die statistische Korrelation nachhaltig verschlechtern können. Sinkt der Energieverbrauch bei gleichbleibender Bezugsgröße, wird der historisch bestehende Zusammenhang abgeschwächt. Eine geringere Korrelation ist dann sogar Ausdruck einer energetischen Verbesserung und nicht fehlender Kennzahlqualität.
Kennzahlen sollten daher stets im Kontext ihrer Zielsetzung, der technischen Rahmenbedingungen und der umgesetzten Maßnahmen bewertet werden. Eine rein statistische Betrachtung wird der Dynamik des Energiemanagements nicht gerecht und kann dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess sogar entgegenstehen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass die Auswahl und Bewertung geeigneter Kennzahlen im Energiemanagement von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird, etwa durch branchenspezifische Besonderheiten, Datenverfügbarkeit, organisatorische Rahmenbedingungen, eingesetzte Technologien oder den Reifegrad des Energiemanagementsystems.
Dennoch zeigt die Praxis, dass es im konstruktiven Zusammenspiel zwischen Unternehmen, Beratern und Zertifizierern möglich ist, zielführende, fachlich begründete und normkonforme Kennzahlen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei ein gemeinsames Verständnis der zugrundeliegenden Prozesse, der Zielsetzung der Kennzahlen, Anwendung der Norm sowie der Grenzen rein statistischer Bewertungen.
Gerne unterstützen wir Unternehmen dabei, ihre individuellen Rahmenbedingungen zu analysieren, geeignete Kennzahlen abzuleiten und den Nachweis der energetischen Verbesserung nachvollziehbar und auditfest zu gestalten.
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